
14.4.2007
Früher hat man sich so vielleicht das Firmament vorgestellt. Ein hohes Halbrund, das sich über eine Fläche wölbt,
besetzt mit vielen Lichtern. Doch statt Sternen hängen Sheinwerfer und Lautsprecher in Waben, und das ganze Gebilde, das auf der Bühne im Kleinen Haus des Theater Freiburg steht, ergibt ein hervorragendes Klettergrüst. Was sich unterhalb dieser Suggestion von Himmel abspielt, ist dann jedoch sehr menschlich. Inés Hernández, Su-Mi Jang, Florian Kleine sowie Tommv Noonan und Marco Volta sind in der Choreografie ,,The Body of Mr Smith. Ein Extremtanz zu Gott und wieder zurück" über Unterwäsche und Trikots mit Bandagen und Schonern bewehrt, als gelte es ein besonders hartes Match zu bestehen (Bühne und Kostüme: Nadia Fistarol). Ein Schlag gegen den Helm eines Mittänzers und Marco Volta ist seinen Gipsfäustling los. Weiße Brocken bröseln zu Boden, derweil knallt ein anderer gegen das Metall. Su-Mi Jang beginnt mit Kreide unter den Zehen auf dem Boden zu zeichnen, dann folgt ihr Körper, der dort ebenfalls Z eichen, jedoch keine bleibenden hinterlässt.
Selbst wenn Florian Kleine, Tommy Noonan und Marco Volta durch das Gestänqe Seile spannen, auf denen Inés Hernández, sich an den Metallstreben haltend, herab läuft, dann auf den Seilen zu liegen kommt und sacht im hingehaltenen Helm landet, arbeiten die Mitglieder von pvc - Tanz Freiburg Heidelberg mehr gegen- als miteinander. Da wird geknebelt, die Augen verbunden, geschlagen und auch ein Platz auf dem Gerüst verspricht keine Ruhe. Zugleich gelingt es Graham Smith in seinem Stück, für das er Bewegungsmaterial mit den Tänzern entwickelt hat, eine aggressiv-wache Atmosphäre zu schaffen, die signalisiert, hier wird Existenzielles verhandelt.
Und dennoch zeigt "The body of Mr. Smith" präzise und beinahe selbstvergessene Formationen. Die Tänzer drehen sich wie Spindeln, verlängern ihren Körper durch gestreckte Arme und führen Überschläge auf einer Hand aus. Um so mehr, als nach dem Zwischenspiel das Rund nach hinten geschoben wird. Doch die Texte, die im Dunkeln von den Akteuren gesprochen werden, berühren das eigentliche Zentrum der Choreographie: die Teilhabe Gottes im Menschen und die Unmöglichkeit, dies sprachlich adäquat auszudrücken. Wenn Su-Mi Jang, warm angestrahlt, sich anstelle der Scheinwerfer in einer Wabe zusammenkrümmt, beginnt hier eine Art Geburt des zweiten Teils des Abends. Er ist um einiges harmonischer und fließender, asynchrone und synchrone Formationen wechseln sich auf denkbar lebendige Weise ab, die von der fünfköpfigen pvc-Compagnie (herausragend Su-Mi Jang) mitreißend getanzt werden.
,,Mutter. (Vater. Kind.)", die zweite Premiere von pvc im Theater Freiburg thematisiert von Beginn keinen Kampfplatz. Familie, so wie sie das Tanzstück von Alice Gartenschläger, Maike Gunsilius, Sebastian Nübling sowie T om und Yoel Schneider aufgreift, ist keine Zwangsveranstaltung, sondern meint die Gemeinschaft eines Paares, zu der sich ein Kind gesellt hat und das nun versorgt sein will mit Liebe, Essen, Beschäftigung. Das Kind Yoel S chneider ist gleich auf der Bühne des Kleinen Hauses mit dabei und durchbricht immer wieder durch die heitere Unmittelbarkeit seines Agierens das fiktive Spiel.
Doch Alice Gartenschläger und Tom Schneider verhandeln in "Mutter. (Vater. Kind.)" auch Klassiker der Paarpsychologie. Da wird weibliche Exaltiertheit und Aktionismus männlichem Stoizismus gegenüber gestellt, die Fotografierleidenschaft junger Eltern ironisiert, die bei Alice G artenschläger in ein Befragen des eigenen, fremd gewordenen Körpers mittels der Kamera übergeht.
Klischees werden immer, wieder gebrochen. Etwa wenn Tom Schneider am Tisch sitzt, vor sich einen Stapel Zeitungen. Das könnte nun zu den bekannten Vorhaltungen führen, doch weit gefehlt, kurzerhand zerrupfen und zerknüllen beide die Seiten, die Alice Gartenschläger wenig später in ihr Solo mit Flamencofiguren und eine
Persiflage des Cheerleadens einbezieht. "Mutter.( Vater. Kind.)" ist für seine einstündige Dauer viel, eine kleine,
unaufdringliche Lehrstunde in Sachen Liebe, Führsorge und Lebensfreude und das Solo einer charismatischen Tänzerin.
/ Annette Hoffmann