Stempel

26.3.2007

Kein reines Kinderspiel

Ein Familientanz: "Mutter.(Vater.Kind.)" am Kleinen Haus im Theater Freiburg

Während die Lokalpolitik wieder einmal die Abschaffung der Tanzsparte am Theater Freiburg fordert, ist pvc derweil gesellschaftstragend, wenn nicht gar staatstragend geworden. "Mutter.(Vater.Kind.)" heißt die neue Produktion, die sich mit der Familie als kleinster Gemeinschaftsform befasst, die um das Wohl eines Dritten besorgt ist. Dass die Frau im Titel derart herausgehoben ist, schuldet sich nicht weiblicher Dominanz. Alice Gartenschläger ist in "Mutter.(Vater.Kind.)" die einzige Tänzerin. Ihr Mann, Tom Schneider, gehört zum Leitungsteam von pvc, der Sohn Yoel ist vor allem Yoel.
Dieser "Werkstatthafte Versuchsaufbau", so der Programmzettel, hätte also leicht schief gehen können. Doch Sebastian Nübling und Maike Gunsilius haben mit den Darstellern einen gut einstündigen Tanzabend geschaffen, der die politischen Debatten meidet und vor allem das Konkrete sucht. Alle sind Familien-Profis, auch Regisseur Sebastian Nübling, dessen Zusage für das Projekt sich wohl dem Zusammenhalt der großen Theaterfamilien verdankt. Joachim Schloemer, Alice Gartenschläger, Tom Schneider und Sebastian Nübling, der zum diesjährigen Berliner Theatertreffen eingeladen ist, kennen sich aus der Ära Schindhelm am Theater Basel.
Vier mal vier mit Klebeband markierte Vierecke umfasst das pielfeld. Rechts hinten ist ein Berg aus zerknüllten Zeitungen aufgehäuft. Neben einem Laptop sind ein weißer Tisch und drei Stühle die einzigen Requisiten. Mutter und Vater sitzen an ihm, sie verteilt Teller und Tassen, hebt die Teller an, verschiebt immer wieder Geschirr und Tisch, stellt sich auf seine Oberschenkel, lehnt sich an seinen Kopf. Nach einigen Minuten sinn- und ziellosem Aktionismus wendet sie sich an ihn: "Très bien?". "Oui", befindet Tom Schneider und klingt fast so lässig wie die Hawaiimusik vom Laptop.
Die Rollen - sie der aktive, er der passive Part - prägen das Tanzstück, werden aber mit viel Ironie, Solidarität suchenden Blicken Schneiders ins Publikum, und Gartenschlägers charismatischer Ausstralung durchbrochen. Kommt der Juge hinzu, ändert sich alles. Vater, Kinder, Mutter sitzen nebeneinander mit dem Rücken zu den Zuschauern am Tisch. Mann und Frau beginnen mit den Stühlen zu kippeln, halten sich an den Händen, küssen sich. Dass man immer mal wieder glaubt, die ganz reale Familie auf der Bühne zu sehen, liegt an Yoel. Yoel ist im Vorkindergartenalter, sehr blond und sehr heiter. Hat er Hunger, isst er, will er spielen, wühlt er sich durch den Papierberg, hält er sich nicht ganz an die Absprachen des Stückes, kommt der Großvater hinzu. Der Abstand zu dieser Kindheitsidylle misst sich von Generation zu Generation. Alice Gartenschläger hangelt sich am Tisch entlang, wirft sich später heftig auf den Boden. Irgendwann legt sie den Tisch auf ihre Brust, beginnt darauf drei Figuren zu zeichnen, zwischen denen Pfeile hin- und hergehen, so dicht, dass es beengt.
Derweil hört man ihre Stimme vom Band: Wenn ich wieder einmal Zeit habe, möchte ich die Terrasse streichen, in einem Bauernhof leben, mit Tom und Yoel in Urlaub fahren. Endlich ausschlafen kommt häufig vor. "Tanzt Du?", schreibt sie auffordernd auf die Tischplatte. Das tut er, gäbe es hier jedoch einen Hobbykeller, wäre das sein Refugium. So ist es die Musik, mit der Schneider immer wieder intime Momente schafft. Diese stehen ihrer radikalen, aggressiven Selbstbefragung gegenüber. Sie rafft das blaue, kurze Kleid hoch und erkundet mit dem Fotoapparat ihrem Körper, setzt zu einer ganzen Reihe von atemlosen und doch technisch versierten Ballettposen an, die sie mit dem Selbstauslöser aufnimmt. Die Schnittstelle "Mutter.(Vater.Kind.)" zeigt sich als so gewinnend warmherziges wie verspieltes Gemeinschaftsprojekt und vergisst zugleich nicht die Überforderung, die jedes Zusammenleben mit sich bringt.

/ Annette Hoffmann