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4.7.2009

Herr der Fliegen

Die neue Welt erschaffen

Die neue Welt erschaffen

Eine Gruppe Jugendlicher auf einer einsamen Insel - ohne Erwachsene, Regeln und Pflichten. Sieht so das Paradies aus? Oder eher eine Hölle aus Chaos und Gewalt? Schon William Golding spielte diese Frage vor rund fünfzig Jahren in seinem Roman "Herr der Fliegen" bis zum bitteren Ende durch. Jetzt haben 19 Jugendliche zwischen 13 und 22 Jahren beim Tanz-Aktions-Projekt "Herr der Fliegen - Der Inseleffekt" des Theaters Freiburg fast ein Jahr lang mit dem spannenden Stoff gearbeitet und anhand der Romanmotive ein achtzigminütiges Stück mit eigenen Texten, Liedern, Kurzfilmen und Bühnenelementen entwickelt. Ein aufregender Prozess, der eine Fülle an Material brachte, so Projektleiter, Regisseur und Choreograf Graham Smith vom Tanztheater pvc.

Bis auf ein mehrstöckiges Stahlgerüst ist die Hinterbühne des Großen Hauses leer (Bühne und Kostüme: Nadia Fistarol). Verstreut liegen reglose Gestalten im Halbdunkel, während die Vorgeschichte der Robinsonade als Film über eine Leinwand flimmert: Mittels Flugsimulator und origineller Bluebox-Effekte erlebt man im Zeitraffer Flugzeugabsturz und Insellandung. Noch fallen die Jugendlichen mit flatternden Haaren wie im Traum durch papierne Großstadtlandschaften, schon erhebt sich eine resolute Stimme, die alles bestimmt und regelt: Krankenlager, Wasserreservoir und Versammlungsplatz werden mit Kreisen auf den Boden gezeichnet, erste Gesetze und Verordnungen postuliert.

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Kurze Spots zeigen im Anschluss daran, wie die Jugendlichen um ihr verlorenes Leben weinen, gemeinsam am Lagerfeuer sitzen, ihre neue Inselhymne singen, zu einem kraftvollen Jagdtanz zusammenfinden oder friedlich in den Hängematten herumlungern. Immer wieder geht jemand in die blau beleuchtete Box und erzählt vor laufender Kamera von seinen ganz persönlichen Ängsten und Sehnsüchten. Auch äußerlich verändert sich die Perspektive: Der Bühnenboden rotiert, auf die Leinwand projizierte Bilder rufen die verschiedensten Stimmungen hervor.

PHILOSOPHISCHE FRAGEN WERDEN AUFGEWORFEN
Dann ist es Zeit, das Alte wegzuwerfen und die neue Welt zu erschaffen: Große Träume von Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit gibt es, aufgebrachte Verfassungs-Diskussionen, Forderungen nach absoluter Selbstbestimmung. Ganz im Sinne des Theater-Mottos "In welcher Zukunft wollen wir leben?" werden viele philosophische Fragen aufgeworfen: Ist der Mensch im Grunde böse oder gut? Erreicht man Freiheit nur durch Sicherheit? Wie könnte ein Wirtschaftssystem aussehen, das keine Verlierer kennt? Als ein maskierter Amokschütze vom Turm des Stahlgerüstes in die Gruppe ballert, siegt erstmal die Angst.

Übervoll an Ideen und bisweilen allzu kopf- und sprachlastig bewegt sich diese Collage immer auf hohem Niveau, ihre Akteure spielen souverän. Umwerfend sind die Tanzszenen, bei denen für Gefühle Bilder und Bewegungen gefunden werden - wenn die Gruppe etwa, von ihrer schwarzen Einheitskluft befreit, zum Song "Stadtaffe" von Peter Fox einen tollen Affenschwof hinlegt.

"Das Wichtigste war mir, den Jugendlichen kein Konzept überzustülpen, sondern ihnen eine Stimme zu geben", erzählt Graham Smith. Das ist rundum gelungen.
- Weitere Vorstellungen: 12. Juli, 17 und 20 Uhr; 13. Juli, 11 und 18 Uhr, Großes Haus, Theater Freiburg. Karten: 0761/2012853.

/ Marion Klötzer