Stempel

8.6.2009

Vier Personen suchen das Glück

Glück ist kein Zustand. Eher etwas, an das man sich später erinnern wird. Nicht grundlos trägt der pvc-Abend "Happiness" den Untertitel "Eine (neue) Suchbewegung". Niemand soll denken, dass sich in Tom Schneiders Inszenierung das Glück wie eine zweite Haut über die Figuren lege. Es findet sich weder in der durchtanzten und durchfeierten Diskonacht noch im schwesterlich-freundschaftlichen Beisammensein auf der Autofahrt, während die drei Frauen an Papierbäumen und glücklichen Kühen vorbeifahren. Dann jedoch geht Michael Deegs verrückter Comic-Strip in eine Videoprojektion über. Alice Gartenschläger, Katharina Schmidt und Angelika Thiele giften sich im Auto an. Eine kräht überdreht: "Ich will aber nicht nach Berlin" und erteilt so allen großstädtischen Glücksversprechungen aus provinzieller Warte die ultimative Absage. Katharina Schmidt redet in Tschechow-Manier von einem glücklichen Leben in ferner Zukunft. Die Projektionsfläche erhebt sich und Desire, Ruth und Irina befinden sich samt Auto sehr real auf der Bühne des Kleinen Hauses im Theater Freiburg. Dann ein Krach. Sollte das schon das Ende aller irdischen Glücksbestrebungen sein?
Mitnichten. Tom Schneiders Stück "Happiness" gibt sich als Amerika-inspiriertes Roadmovie mit Hang zur Countrymusik (Thomas Jeker), das aus dem Zusammentreffen der drei Frauen mit Gary Joplin eine Boy-meets-Girls-Geschichte macht. Während die drei Darstellerinnen aus dem verunglückten Auto robben, schält sich ein Mann aus dem Kofferraum. Er trägt das dunkle Haar in einem Zopf, über einer roten Jogginghose ein Kapuzenshirt von gleicher Farbe und murmelt unverständlich vor sich hin. "Sensation" liest man auf der Rückwand der Bühne (Kostüme: Franziska Jacobsen, Bühne: Moritz Müller). Und wirklich stoßen die Körper zusammen, drehen sich unglaublich schnell um die eigene Achse, heben sich gegenseitig in die Höhe, selbst das Auto dient noch als Widerstand. Alles sieht nach gegenseitiger Abstoßung aus und doch ist der Furor, mit der die Bewegung explodiert, vor allem dem Verlangen geschuldet (Choreografie: Tänzer und Tom Schneider). Man muss Desire nicht allein als Frauennamen verstehen. Wenig später greifen sich Alice Gartenschläger und Katharina Schmidt wie Kinder an der Hand, die andere führen sie zu den Augen und gehen einige Schritte nach vorne. Ähnlich blind scheint sich auch der Abend durch das Glücksterrain zu bewegen. Da erweist sich zwar Katharina Schmidt, der Gast aus dem Basler Schauspielensemble, als wirklicher Gewinn. Vor allem dann, wenn sie mal rotzig, mal zart Texte von Samuel Beckett, Sybille Berg bis Michel Houellebecq spricht. Was in diesem Sprachraum gelingt, das Aufscheinen von Einsamkeit, eine wehe Trauer, vor allem aber eine Sehnsucht, bleibt ansonsten aus. Löst doch Tom Schneider die absurde Atmosphäre der Eingangssequenz in Szenen und Bewegungsfolgen, die beliebig wirken und oftmals in den Klamauk abgleiten. Da sitzt Gary Joplin als Braut vor einem beweglichen Bühnensegment und wirft den Frauen seinen Strauß zu, damit diese sich um ihn balgen. Da hängen sich die Darstellerinnen mit dem Rücken zum Publikum an jene weiße Wand und strecken sich nach dem Glück. Wenn Joplin Barry Manilows Schmachtfetzen "Mandy" mit viel Gefühl singt, küsst Katharina Schmidt im rosafarbenen Tüllkleidchen den Bildschirm ab, auf dem sich Joplins Gesicht groß abzeichnet. Ein Plüschpapagei schlägt dazu drollig die Flügel. Manches Witzige ist dabei und dennoch sind diese Aneinanderreihungen nicht absurd genug, damit sie in etwas ganz anderes umschlagen könnten. Zum Ende hin bekommt "Happiness" doch noch die Kurve. Ein weiteres Mal kriechen die drei Frauen aus dem Auto, bewegen sich wie Raupen und Kopffüßler über die Bühne. Zwei Paare bilden sich, die sich unentwegt neu unterfassen, die Schwerkraft überwinden und aneinander zu Boden gleiten. Es sind diese Hebefiguren, die sich - langsam und getragen - ausgeführt, zu einem Versprechen verdichten. Das versöhnt, auch wenn es nicht das große Glück ist. Aber dazu ist es ja noch viel zu früh.

/ Annette Hoffmann