Stempel

20.1.2009

Den besten Bären aufbinden

Ein echter Renner: "Food Chain" mit der Splintergroup als Tanz-Premiere in Heidelberg

Die Geschichte geht so: Drei Australier lernen sich in Meryl Tankards Australian Dance Theatre kennen, touren später durch renommierte Ensembles in Europa und gründen zehn Jahre später ein Produktionskollektiv, die Splintergroup.
Gleich ihr erstes Stück ("Lawn") wird ein veritabler Erfolg. Joachim Schlömer, Leiter der Freiburger-Heidelberger Tanzkooperation pvc, lud jetzt zwei Splintergroup-Mitglieder (Grayson Millwood und Gavin Webber) ein, zusammen mit pvc-Tänzern ein Stück zu produzieren. "Food Chain" hatte in Heidelberg Premiere, wird dort und in Freiburg mehrfach auf dem Spielplan stehen - und hätte das Zeug dazu, ein echter Renner zu werden.
Denn dem breiten Spektrum des zeitgenössischen Tanztheaters - von theorielastigem Konzepttanz bis zu banalen Alltagsbewegungen - fügt die Splintergroup eine ganz eigene Färbung hinzu: zugleich tänzerisch anspruchsvoll, poetisch, surrealistisch und unterhaltsam.
Melanie Lane glänzt mit erotischer Verführungskunst
In "Food Chain" versteckt sich ein Mann im schäbigen Bärenkostüm (pvc-Tänzer Tommy Noonan) auf einem bühnenbeherrschenden Baum (Bühne und Kostüme: Moritz Müller). Umgeben von einer halbrunden gemalten Waldkulisse, bevölkert mit ausgestopften Tieren, fühlt er sich als heimlicher Drahtzieher des Geschehens. Aber die beiden Bären (aufs Amüsanteste bärig-menschlich verkörpert von den Splintergroup-Machern) fallen aus der ihnen in der "Nahrungskette" vorbestimmten Rolle. Als zwei Rucksacktouristen (pvc-Tänzer Sebastian Rowinsky und Su-Mi Jang) auftauchen, verwischt sich allmählich die Grenze zwischen Mensch und Bär. Das Geschehen kippt immer mehr ins Surreale, in dem vor allem die Tänzerin Melanie Lane mit erotischer Verführungskunst glänzt.
Aggression und unkritisches Herdenverhalten funktionieren, so macht es das Stück augenzwinkernd vor, im Menschen - wie im Tierreich: Kampf muss sein, ein Grund wird sich finden. Das Ganze bleibt hübsch poetisch und ironisch in der Schwebe, bis Theaterblut für einen effektvollen Schluss sorgt.

/ Isabelle von Neumann-Cosel