Stempel

18.1.2009

For Love - Versuchte Zweisamkeit

Tom Schneider inszeniert das Tanzschauspiel "For Love" auf der Freiburger Kammerbühne

Manchmal genügt eine gelungene Szene, um eine Theateraufführung ins Gedächtnis einzubrennen. Eine solche gibt es im Tanzschauspiel "For Love", das jetzt auf der Kammerbühne des Theaters Freiburg Premiere hatte. Sandra Hüller alias Courtney Love klatscht an die Wand. Unvermittelt löst sich von ihrem Körper eine Umrisszeichnung und führt ein Trickfilmeigenleben. Hüller/Love folgt dem gezeichneten Treiben und beendet es, indem sie den Kopf gegen die Wand rammt. Der durchstößt die Wand und wird damit augenblicklich von einer Kamera erfasst, die ihn überlebensgroß auf die Rückwand projiziert. Langsam neigt Hüller das Gesicht, bis nur noch die Haare über das Projektionsloch fließen. So schön wurde dem von der Rockmusik verklärten "Break on through to the other side" selten eine Absage erteilt. Für Stars gibt es keine andere Seite, höchstens das Jenseits.

"For Love" ist Startheater. Die Schauspielerin Sandra Hüller ist ein Star: Nachwuchsschauspielerin des Jahres, bayerischer Filmpreis, Preis der deutschen Filmkritik, Silberner Bär, deutscher Filmpreis, Ulrich-Wildgruber-Preis. Die von ihr gespielte Courtney Love ist ein Star, als Musikerin, Schauspielerin, Ehefrau von Kurt Cobain und als skandalträchtige Popikone. Und der von PVC-Tänzer Graham Smith gespielte Kurt Cobain hat sich und seine Band Nirwana durch seinen Selbstmord zur Legende gemacht.

Drei Stars, drei Arten mit Starruhm umzugehen. Cobain überlebt ihn nicht. Gleich in der Eröffnungsszene liegt er hingestreckt da. Die Bühnenbildnerin Franziska Jacobsen ist den Spuren der vorangegangenen Inszenierungen in der für diese Saison als Wucherbühne konzipierten Kammerbühne mit weißer Farbe und bunter Tapete zu Leibe gerückt. Wenn man den Kopf etwas dreht sieht man noch Reste der Kriegsoptik von Dea Lohers Afghanistan-Stück. Krieg ist ein Themenschwerpunkt, aber Blut wird zum ersten Mal an diesem Abend fließen. Nicht viel, ein paar Tropfen vom Fingerknöchel, aber genügend, um zu erkennen, mit welcher Wucht Graham Smith seinen Cobain immer wieder gegen die Wände donnern lässt. In Tom Schneiders Inszenierung befindet er sich dauernd im Kampf, mit Courtney Love und gegen sich selbst. Am Ende verliert er gegen beide.

Courtney Love sähe sich gern als großer Star, der die Showtreppe herunterschwebt und den Jubel der Fans entgegen nimmt. So kommt sie dem Freiburger Publikum entgegen. Doch das ist nur eine ihrer vielen Masken. Von einer Sekunde zur anderen bricht sie in Geschrei aus, hebt ihr Kleid, sagt Liebesklischees zwischen Paulusbrief und Erich Fried auf und sucht doch am Ende immer noch vergebens ihr wahres Ich im Garderobenspiegel.

Hüller strukturiert Loves Weg in drei Songs. Erst die "appetizing young love for sale", das junge Ding bei der Selbstwertsteigerung auf dem Markt der Eitelkeiten. Dann mit "I want to be your wife" die versuchte Zweisamkeit ? im milden Spotlight zärtlich, aufrichtig, doch kaum wird die Szene erbarmungslos ausgeleuchtet, verpufft die Beziehung im Geltungsdrang.

Für den dritten Star, Sandra Hüller, bietet der Abend die schöne Gelegenheit mit den vielen Gesichtern der Courtney Love ihre facettenreiche Schauspielkunst im kleinen, gemütlichen Rahmen vorzuführen. Ihre Courtney ist allerdings kaum eine von selbstzerstörerischem Exhibitionismus und einem "better to burn out, than to fade away" Getriebene, sondern bleibt eher ein mit züchtiger Ekstase und präzisem Handwerk gestaltetes Abziehbild. Vielleicht eine wichtige Grenzziehung so von Star zu Star, aber doch etwas irritierend. So ist in diesem Stück vielleicht Graham Smith in seiner angenehm bescheidenen Art der heimlich Star der Herzen.

/ Jürgen Reuss