
13.10.2008
Wie Büchners Lenz kommt dieser C., die Hauptfigur in Joachim Schloemers neuem Tanztheater "in schnee" zu Beginn daher. Aufgelöst, durcheinander, wie unter einem Alpdruck stehend, von dem er sich, mit einem weiten Mantel bekleidet, mit einem wilden Veitstanz zu befreien sucht. Etwas zur Ruhe kommt er erst, als ihn ein Vamp mit lila Haaren
(Paea Leach) erotisch angeht und ihm wie eine Schlange unters Hemd kriecht. Aus einem Haus kam sie heraus gekrochen, dessen Wände bald danach aufgehen und wo vier weitere Personen mit hochgehaltenen Schildern einladen: "Herzlich willkommen in unserem Haus - komm zu uns."
Nach seinem Tanztheater "Ten" vor vier Jahren ist "in schnee" die erste abendfüllende Choreographie von Joachim Schloemer, die am Heidelberger Theater zu erleben ist: Entstanden ist das nahezu dreistündige Tanztheater in Kooperation mit dem Lucerne Festival und dem Theatre de la Monnaie, Brüssel. Inhaltlich angelehnt hat sich Schloemer, Kurator von pvc, der Tanzkooperation Freiburg-Heidelberg, aber weniger an Büchner als vielmehr an Thomas Manns "Zauberberg".
Wie Hans Castorp findet C. (hochpräsent: Daniel Jaber) Unterschlupf vor einem Schneesturm in einer Hütte. Zunächst ist er stiller Beobachter befremdlicher Geschehnisse in dem wandlosen Holzhaus, von dem nur die Rahmenbalken stehen, dann wird er immer mehr in die merkwürdigen Beziehungsgeflechte der fünf Leute in der Hütte involviert. Da gibt es eine kleine resolute Frau (Maria Pires) in wadenlangem Rock und Leibchen, beides in zartrosa und mit strenger Sekretärinnenbrille. Und nachdem sie ihren ältlichen Gefährten zum Wurm degradiert hat, ihm die Arme in den Sakko eingetütet und ihn auf dem Bauch robben lässt, hat sie Altjüngferlichkeit und Brille alsbald abgelegt, um nun den Neuen, C. erotisch ans Leder zu gehen und auf ihm akrobatisch herumzuturnen.
Aber auch der kleine drahtige Herr im teufelsroten Anzug, der hier alle dominiert, geht den Neuzugang vehement an, vollzieht an ihm eine Art Zähmung. Alle sollen gleich sein in dieser geschlossenen Gesellschaft, und auch C. ist nicht mehr länger Beobachter, sondern schon bald mittendrin im Geschehen. Dabei geht es hier um gegenseitiges Sich-Einverleiben, um Abhängigkeiten ebenso wie um Neurosen und Zwangshandlungen.
Das ist ebenso obsessiv wie spielerisch-humoristisch choreographiert. Fünf Stühle und sechs Tänzer: eine wilde Mischung aus Fangen und Reise-nach-Afrika ist vorprogrammiert. Aber es wird nicht nur aufeinander herum geturnt oder lemurenhaft über den Boden oder unter dem Teppich hindurch gekrochen, es wird auch mal getanzt und zwar synchron zu zweit.
Bachs sechs Suiten für Cello solo werden von drei Cellisten auf der Szene nach einander live gespielt, und beim Synchrontanz greifen auch mal zwei Cellisten unisono in die Saiten. Elektronische Musik und kurze Cellostücke von Bernd Alois Zimmermann interludieren die Suitenabfolge. Für den zweiten Teil hat Schloemer die beiden letzten Bach-Suiten zugrunde gelegt, und deren jenseitige Dimensionen sind genau das Richtige für die ruhevolle, elysische Stimmung, die hier herrscht. Dieser Schlüssel ist ein einziges Meditieren, ein Erinnern von Vergangenem. Nichts mehr Reales, sondern nur noch Jenseitiges, Elysisches. Auf einer Videoleinwand sieht C. nicht nur eine endlos vorbeiziehende Eislandschaft, sondern auch einen Schwarz-Weiß-Film alter Szenen.
Und wenn die Tänzer nun gelb eingekleidet auf die Bühne kommen, so bringen sie auch ihre Konterfeis als lebensgroße Pappkameraden mit, auch diese in schwarz-weiß. Keine
Handlung, nur noch Schauen und Selbstreflektion. Ein spannender Abend, der die Themen Tod und Vergänglichkeit, Sich-Verlieren und Sich-Finden in beredten Bewegungsabläufen und ruhigen Bildern einfängt.
/ Rainer Köhl