
18.8.2008
[ ... ] Interessant wird dies, wenn die Musik nicht nur Tänzer bewegt, sondern der Tanz auch neue Facetten der Musik freilegt. Welche erotische Ausstrahlung hat etwa die Allemande
aus Bachs erster Cello-Suite, wenn dazu eine Frau dem Protagonisten schlangengeleich
unter Hemd und Mantel kriecht? Weshalb lässt sich zum Prélude der Suite Nr.2 so leicht flüssig mit dem Seil springen? Und warum ist die Courante der dritten Suite eine so hurtige Begleitmusik zu einem riskanten Ritt auf kippenden Stühlen? Schloemer hat dafür hervorragende Darsteller: sechs Tänzer und drei Cellisten, die Bach's Solowerke mitunter auch zu zweit und zu dritt musizieren, was in der Intonation etwas schräg tönt.
Der Choreograph gibt jede Menge Denkanstösse. Oft sind es zu viele. Dann spürt man den Anspruch und die Last, Bachs weite Zeiträume szenisch füllen zu müssen. Zumal alle sechs Suiten mitsamt Wiederholungen gespielt werden. Aus Bachs lucide stilisierter Tanzmusik wird ein gar strenges Exerzitium.
Nach der Pause ist in "in Schnee" alles anders. Die betriebsame äußere Welt auf der Bühne verschwindet, und es spielt sich nun alles im Kopf des Protagonisten ab. Zur fünften Suite scheinen karge, filmische Erinnerungsbilder auf. In der Beschränkung auf szenische Mittel zeigt sich Schloemers ungeheure Bildphantasie. Der Versuch des Protagonisten, sich in der schonungslosen Innenschau selbst zu finden, führt in die Entfremdung. Da bleibt nur noch die Gewissheit der Musik. Der Cellist Mattia Zappa spielt die sechste Suite hochkonzentriert und kraftvoll mit sprechendem Duktus. Als Zuschauer hat man das Gefühl, von einer langen gefahrvollen Reise heimgekehrt zu sein. [ ... ]
/ Martina Wohltat