Stempel

16.11.2006

Sendepause im Glitzerwunderland

Eun-Me Ahn choreografiert zum Einstand der Ballett-Kooperation Freiburg-Heidelberg

Gegensätze können produktive Spannung entwickeln: Im Zuschauerraum des Schwetzinger Rokokotheaters herrscht zierlicher, reich verzierter Stuck, auf der Bühne ein kantiger, kühl ausgeleuchteter Innen-/Außen-Raum in Weiß, Hellblau und Edelstahl, Kostüme in knallbunten Neonfarben, mit Vorliebe Pink.

Die erste Premiere der neu formierten Freiburg-Heidelberger Tanz-Kooperation PVC fand wegen der Schließung der Heidelberger Bühne im Schwetzinger Schloss statt. Als künstlerische Visitenkarte zum Einstand in ein neues Tanz-Zeitalter wählte der neue Kurator Joachim Schlömer Eun-Me Ahn aus, eine Entdeckung von Pina Bausch, die die Koreanerin erstmals in Deutschland präsentierte. In ihrem Heimatland gehört die exzentrische Künstlerin zur Prominenz, seit sie die Eröffnungsfeier der Fußball-WM choreografiert hat.

"Louder! Can you hear me", heißt ihr neues Stück, und zu Anfang ist es erst einmal provozierende 20 Minuten lang still auf der Bühne. Zu sehen gibt es umso mehr: Gleich eingangs zwei blanke Hinterteile, samt den nicht dazugehörigen Beinen. Aus Erkerfenstern und Kellerklappen quellen menschliche Körper wie willenlose Marionetten. Am Ende sind es drei Tänzerinnen und drei Tänzer, die sich begegnen und doch wieder nicht - ein kunstfertiges Beinahe. [...] Gender-Cross ist angesagt, die Männer tragen knielange Röcke, glitzernd und in Neonfarben leuchtend, die Frauen treten mal mit bloßen Oberkörpern, mal mit Glitzerfummel auf. Sie bewegen sich wie in Trance, jeder in seiner narzisstischen Welt eingefangen. Begegnungen sind zufällig, kurz und folgenlos - und doch entstehen noch im Sichverpassen magische Momente von großer Intensität.

Endlich kommt Musik ins Spiel (von Yong-Gyu Jang), eine stark rhythmisierte Minimal-Komposition, nur vom Schlagzeug variiert, dann mit melodischen Elementen. Der Sog des Sounds fährt den Tänzern buchstäblich in den Körper [...] Tempo und Intensität der Musik verstärken sich, bis die Tänzer nach 70 Minuten der unbarmherzigen Beschallung entkommen, indem sie sich leise von der Bühne stehlen. [...]

Dieser Tanzabend ist das erste Musterstück der Freiburg-Heidelberger Tanztheater-Konzeption: mit einem Ideengeber (Schlömer), einem festen Produktionsteam (Bühnen- und Kostümbildner Sebastian Hannak, Lichtdesigner Andreas Grüter, Choreograf Graham Smith als Dramaturg) und einem harten Kern an Tänzern, der jeweils durch Gäste aufgestockt werden soll.

Das Ergebnis hat ein Niveau, das mit Tanz-Hochburgen mithalten kann. Nun hängt die Messlatte für PVC ziemlich hoch. [...]

/ Isabelle v. Neumann-Cosel