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Basler Zeitung / 20.1.2009

For Love - Für immer hungrig

Als Sandra Hüller 2002 am Theater Basel anfing, konnte einem ihr Talent fast unheimlich werden. Viele Bühnen- und Filmrollen später zeigt sie in Freiburg Ungewohntes: Sie tanzt, singt, schreibt Songtexte. Und wie!
Zunächst nur ein Fuss. Stakt nackt aus einem Stöckelschuh. Tändelt sexy. Bekommt einen Zwilling. Zu zweit stehen sie quer auf einer weissen Showtreppe, die grotesk eng und steil ins Nirvana klettert, hinter einer Doppelflügelpforte. Die Beine werden Bauch, der Bauch braucht einen Kopf, dann endlich ist sie ganz sichtbar, Sandra Hüller (30), die «For Love» spielt und Courtney meint, den personifizierten Sexskandal der US-Popindustrie, die Witwe von Rockstar Kurt Cobain.
Ihr erster Rampenlichtreflex: Die einstige Stripperin grinst, zieht das kleine Schwarze weit hoch, entblösst den Körper und verhüllt den Kopf - treffendes Bild dafür, dass diese Frau ohne wahres Gesicht lebt, dafür mit dem Nimbus einer erotischen Ikone.
Sehnsüchtig. Sandra Hüller und Regisseur Tom Schneider haben Texte aus Courtney Loves Autobiografie mit Songs aus der Feder der deutschen Schauspielerin verschmolzen. Das ist ein origineller und ein erfrischender Ansatz. So vermeidet Schneider geschickt das Risiko, dass die Performance als Courtney-Cover-Abend in der Belanglosigkeit versanden könnte. Das Gegenteil geschieht. Wir sehen eine Frau, die wie ein Kind durch einen Mauerspalt die weite Welt erhascht, ungläubig hineinstarrt und vergeblich nach Freiheit tastet. Und wir werden Zeugen grosser Gefühle: der Sehnsucht und des unstillbaren Hungers nach Glück.
«For Love» ist eine dieser Produktionen, mit denen die Freiburger Tanzsparte Physical Virus Collective (pvc) immer wieder überrascht und dem Ideal des kurzen, knackigen, kreativen Powerplays sehr nahe kommt. «For Love» lässt sich in kein Gattungsschema pressen, die Probezeit war knapp, das Budget billig, die Teamkonstellation einmalig - und einmalig geglückt.
Verschwenderisch. Höchste Zeit, Sandra Hüllers Tanzpartner zu würdigen: Graham Smith, US-Tänzer, Choreograf, und neben Joachim Schlömer Co-Leiter von pvc. Klar, wenn Hüller Courtney ist, tanzt er Kurt Cobain. Graham Smith tobt mit verschwenderischer Brutalität durch den Raum. Sein Schädel hämmert gegen die Wand, seine Arme stützen Courtney, reissen sie hin und mit. Das ist roh, kraftvoll und mithin süsse Lust. Und wenn Smith seine Partnerin drei-, viermal auf Schulterhöhe anspringt und für einen Moment wie ein Gecko an der Wand klebt, dann fuchtelt sie, zwischen Wand und Mann, als wollte sie ein Insekt verjagen. Schliesslich fängt sie ihn doch auf und sinkt ächzend zu Boden - eine unglaublich schwebende Szene ist das, und ein Albtraum der Liebe.

/ Stephan Reuter