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Spiegel Online / 28.3.2009

Liebeslieder für Frau Love

Begnadet, intensiv - und manchmal auch unappetitlich: Die Schauspielerin Sandra Hüller huldigt in der Freiburger und Heidelberger Tanztheaterproduktion "For Love" der Rocksängerin Courtney Love.

Das Besondere und das Sonderliche sind oft nur einen Hopps voneinander entfernt. So kann man zum Beispiel in der Rocksängerin Courtney Love eine mit unglaublicher Energie gesegnete Großkünstlerin sehen oder eine schratige Nervensäge. Für die einen ist sie eine Begnadete, die vom Himmel mit tollen Talenten gesegnet ist, für die anderen eine Besessene, die von merkwürdigen, lauten und manchmal ziemlich unappetitlichen Dämonen gejagt wird.

Ganz ähnlich verhält es sich mit der 30-jährigen Schauspielerin Sandra Hüller, die schon seit ein paar Jahren zu den herausragenden Begabungen im deutschen Theater und im deutschen Film zählt. Sie besitzt eine flirrende Kraft, die man entweder abseitig oder grandios finden kann, wenn sie beispielsweise aktuell im Kino in dem Kollektivwerk "Deutschland 09" Ulrike Meinhof oder in dem preisgekrönten Film "Requiem" eine religiös schwer Verwirrte spielt. Im Theater war sie die Kindermörderin Medea, oder sie spielt, vom heutigen Samstag in den Münchner Kammerspielen an, eine der geheimnisvollen Frauenfiguren aus "Drei Farben: Blau, weiß, rot" (nach den Filmen von Krzysztof Kieslowski, Regie: Johan Simons).

Hüllers Bewegungen sind ein manchmal reizendes, manchmal befremdliches Voranstaksen auf einer Umlaufbahn jenseits unserer Galaxie, ihre Augen sind meist zwei schmale Schlitze, ihre oft seltsam helle Stimme betont eine heiter-unbeirrbare Entschlossenheit.

Passt schon, denkt man sich also, wenn die Schauspielerin Hüller jetzt in einer Produktion des Freiburger und Heidelberger Tanzkooperation PVC mit dem Abend "For Love" antritt. Gemeinsam mit dem Tänzer Graham Smith und in der Regie von Tom Schneider tobt und zagt und zittert sie und singt dazu selbstkomponierte Lieder, die von ihrer Bewunderung für jene Frau erzählen, die zunächst vor allem als Frau und Witwe von Kurt Cobain weltberühmt wurde und erst später echte Anerkennung als furiose Rockerin fand. "Einerseits dürstet sie nach Erfolg und Ruhm", hat Hüller in einem Interview über ihre Heldin gesagt, "andererseits kann sie mit den Geistern, die sie rief, nicht umgehen."

An zwei Abenden der nächsten Woche zeigen Hüller und Smith ihren Abend nun in Heidelberg. Es ist eine Annäherung an eine Fremde, die fremd bleiben soll: Jede Form der Fan-Ranschmeiße an den Rockstar wäre Hüller zuwider. Was sie an Courtney Love besonders fasziniere, sei gerade ihre Widersprüchlichkeit, "dass wir sie gar nicht greifen können". Hüller spielt also nicht Courtney, sie spürt ihr nur nach: "Ich habe mir kaum etwas Körperliches von ihr angeeignet", sagt sie, es gehe eher um eine Art Forschungsprojekt: die Erkundung von Intensität.

Klingt gut, aber machen wir uns nichts vor: Intensität ist natürlich nur ein anderer, beruhigend kühler und abstrakter Name für das halb bedrohliche, halb verführerische Feuer, das in besonderen Künstlernaturen wie Sandra Hüller und Courtney Love lodert.

"For Love" mit Sandra Hüller. Aufführungen am 2. und 4.4. jeweils ab 20 Uhr im Zwinger 1 des Theater Heidelberg

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,615663,00.html

/ Von Wolfgang Höbel