Stempel

Von Tom Schneider

Premiere am 13.12.2007

Das Paradies ist verriegelt und der Cherub hinter uns; wir müssen die Reise um die Welt machen, und sehen, ob es vielleicht von hinten irgendwo wieder offen ist. (Kleist - Über das Marionettentheater)


Der Dramaturg der Produktion Florian Huber im Gespräch mit dem Musiker Vijay Salgado.

Herr Huber, wir proben zur Zeit am neuen Stück von PVC. Warum interessiert Sie das eigentlich?

Es war vor allem der Gedanke, dass es einen Unterschied zwischen Wirklichkeit und Realität gibt. Wir sehen ja nicht die Dinge wie sie sind, sondern wie wir sie wahrnehmen. Das steckt im Begriff der Wirklichkeit. Die Dinge an sich, wie sie sind, ohne durch eine Wahrnehmung unsererseits vermittelt zu sein, das ist im Gegensatz dazu die Realität. Ich finde das ist ein spannender Unterschied.

Wir leben also nicht in der Realität, sondern deren Projektion ist der Kassenschlager im Kinosaal unseres Kopfes?

Ja, und in diesem Zusammenhang bringt Kleist den Gedanken ins Spiel, dass der Mensch eigentlich immer versucht, diese Trennung aufzuheben, «unschuldig» zu werden an der Wirklichkeit, die ihn von seiner Umwelt trennt. Er nennt dies den Versuch zurück ins Paradies, d.h. zu den Dingen, zu kommen. Die Trennung zwischen Ich und Welt, aber auch zwischen dem Ich und seinem Selbst, aufzuheben. Es ist ähnlich wie der unüberwindbare Unterschied zwischen einem anderem und mir selbst. Zu oft vergessen wir diese Grenze, die es da zwischen mir, dem anderen oder der Welt gibt.

Und welche Antworten darauf hält die moderne Gesellschaft für den kritischen Menschenaffen bereit?

Wir alle - sofern wir uns nicht haben lobotomieren lassen - treten ja diese «Reise um die Welt» an, und jeder tut es auf seine Weise. Der eine meditiert und versucht so die «Reflexion durch ein Unendliches gehen zu lassen», der andere flüchtet sich in eine technisch hergestellte Scheinwelt, Videospiele, in der Ursache und Wirkung aufgehoben scheinen, zu Dating-Agenturen, die die perfekten Partner für uns anhand von Profilen ermitteln, ein Dritter vielleicht versucht sich mittels z.B. plastischer Chirurgie oder Gentechnik selbst zu erschaffen, im Sinne von: «Wenn ich es nicht schaffe, die Wirklichkeit nach meinem Geschmack zu verändern, dann versuche ich, mich nach dem Geschmack dieser Wirklichkeit zu verändern». Keiner dieser Wege führt zurück ins Paradies, d.h. zu den Dingen selbst. Die meisten sind fatal, während andere näher zum «Paradies der objektiven Realität» führen. Aber eine perfekte Lösung für das menschliche Dilemma hat noch niemand gefunden.

Regie: Tom Schneider
Choreographie: Murielle Elizeon/Tommy Noonan
Dramaturgie: Florian Huber
Bühne/Kostüme: Franziska Jacobsen
Musik: Vijay Salgado

Darsteller: Murielle Elizeon, Tommy Noonan, Florian Huber

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