
Sonntag Aktuell / 8.7.2007
Die Inferno-Interpretation von Smith spürt aber weniger dem Dichter und seinem Werk nach, sondern fragt, was geschieht, wenn Gott oder irgendeine andere Art moralischer Instanz bezweifelt wird, ja gar nicht mehr existiert: dann ist die Hölle auf Erden. Die Form seines Tanztheaters ist dafür vielleicht die einzige adäquate Möglichkeit, denn die Sprache transportiert philosophische Kriterien und Gedanken zum Leben und Leiden in und an der Gesellschaft, während der Tanz genau das auf eine andere Verständnisebene hebt. Wort und Bewegung, Schauspieler und Tänzer – bei Graham sind sie getrennt – treten also weder in Konkurrenz, noch retardieren sie bereits Gesagtes oder Gesehenes. So fesselt zur Begeisterung des Publikums das Ensemble 70 Minuten lang mit – vor allem in der zweiten Hälfte – immer wieder neuen beeindruckenden, höchst expressiven Bildern.
/ Sibylle Dornseiff