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Tanzstück nach Dantes "Die Göttliche Komödie"
Von Tom Schneider und Graham Smith

Premiere am 8.7.2008

Wenn wir uns die Hölle vorstellen und wollen ihre Grauen und ihre Schrecken in uns lebendig werden lassen, so hat uns Dante in der "Göttlichen Komödie" eine Beschreibung geliefert, die einzigartig ist. Die Schilderung jedoch wörtlich als Ort der Strafe nach dem Tod für unsere Übertretungen zu nehmen, das hat wohl selbst Dante nicht getan. Borges schreibt in seiner Liebeserklärung an dessen Werk: "Es gab keinen Grund für Dante anzunehmen, daß das, was er uns zeigt, einem wirklichen Bild der Welt des Todes entspreche. So etwas gibt es nicht." Vielmehr habe Dante, Bemerkungen seines Sohnes zufolge, das Leben der Sünder anhand des Bildes von der Hölle zeigen wollen. "Ich glaube jedoch an die Zweckmäßigkeit dieser naiven Vorstellung, der Vorstellung, daß wir einen wahrhaftigen Bericht lesen. Sie bringt uns dazu, daß wir uns von der Lektüre forttragen lassen," so Borges. Es fällt uns heute nicht schwer, dieser Leseanleitung zu folgen. Die eschatologische Vorstellung von der jenseitigen Unterwelt als Ort der Qual und Aufenthaltsort der Dämonen ist uns fremd geworden. Doch die Bilder der ewigen Verdammnis bleiben plastisch. Sie zu lesen als Szenarien einer ganz realen Hölle, dürfte uns leicht fallen.
Das Stück "Der zweifelhafte Wunsch der Zärtlichkeit" geht diesen Weg. Bilder von Lust und Unmäßigkeit, von Wut und Trägheit, von Eitelkeit, Gier und Neid schaffen fantastische Vorstellungen und lassen Dantes Höllenszenario lebendig werden. Ist die Einbildungskraft allerdings erstmal in Gang gesetzt und das Auge des Betrachters angeregt, fällt der Blick in einen Spiegel komprimierter Bilder unserer Wirklichkeit. Es braucht dazu nicht die Auffassung eines transzendent gemeinten Sündenkatalogs. Die Todsünden sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen und Motor und Triebfeder für unsere Gesellschaftsformen und -strukturen. Schon seit der Renaissance gibt es Gesellschaftstheorien, die ausführen wie Tugendhaftigkeit einen Staat zerrüttet. Den "Leidenschaften" nachzugeben, fördert hingegen Wirtschaft und Macht und setzt zivilisatorische Kräfte in Gang. Im Kapitalismus sind sie vollkommen unverdeckt die Stützen der Wirtschaft und damit der Gesellschaft.
Vier Tänzer und drei Darsteller bewegen sich in dieser Welt, die teils von ihnen selbst geschaffen ist und an der sie Teil haben, während sie teils außen vor bleiben und sie gar nicht wahrnehmen. Immerzu debattieren die Darsteller über Sünde und Vergebung, Schuld und Sühne und die Möglichkeit und Unmöglichkeit einer besseren Welt. Um diese Wortwechsel leidenschaftlich ernst zu führen, dazu fehlt ihnen die nötige Betroffenheit. Vielmehr kommt ihr lapidarer Dialog wie ein Spiel daher, das sie nach einem strengen Regelsystem wie eine Marotte treiben. Weniger um damit die schier unbegrenzten Fähigkeiten ihres Verstandes auszuloten und "im Begreifen ähnlich einem Gott" zu sein - wenn auch der Grad der Absurdität ihrer Unterhaltungen göttlich ist - und schon gar nicht mit dem Anspruch damit "im Handeln ähnlich einem Engel" zu werden (siehe Hamlet). Wenn sie sich in die Ordnung des Spiels vor der Unordnung und dem Chaos ihrer Welt zurückzuziehen, dann fast fatalistisch, um dabei auch das Bewußtsein für sie zu trüben und um die Zeit totzuschlagen. Nur einer tritt den Weg an, die Spirale nach oben klettern und sich aus der Gleichgültigkeit und dem Sumpf seiner Umgebung befreien zu wollen. Kaum lenkt etwas sein Denken von den scheinbar scharfen Vorstellungen der Höllenqualen ab, die seine Erlösungsphantasien speisen. Fanatisch treibt er seine Suche, hat dabei aber scheinbar keine Chance dem Sog der Spirale zu entkommen. Man kann nur für ihn hoffen, daß Himmel und Hölle gar nicht so weit auseinander liegen.
Schuld und Unschuld, Recht und Unrecht und vor allem Möglichkeit und Unmöglichkeit verschwimmen in den vielschichtigen Ebenen des Bühnengeschehens, das dabei vom Zerrbild manchmal zur klaren Reflexion unserer Wirklichkeit wird. Deswegen ist auch eine Szene aus dem zweiten Kreis der Hölle Anlaß der Überlegungen des Stücks, wenn vor Dante die zwei verworfenen Seelen Francesca da Rimini und Paolo di Malatesta treten. Der Moment als sie ihre Liebe füreinander entdeckten wurde ihnen zum Grund der Verdammnis: Es ist "der zweifelhafte Wunsch der Zärtlichkeit", weswegen sie sich in alle Ewigkeit vom Höllenwind durch die Finsternis treiben lassen müssen. Dantes Mitleid ist so groß, daß er ohnmächtig auf den Boden stürzt. In diesem Moment ist ihm wohl ganz kurz der unsichtbare Dritte im Bunde seiner Höllenreise abhanden gekommen: nämlich Gott oder zumindest dessen Urteilskraft. Uns ist das schon lange passiert und so ist die Szene der beiden Liebenden in der Verdammnis der stärkste Ausdruck der Verstricktheit menschlichen Handelns und der Ohnmacht eines Urteils, wenn göttliche Moral nicht den Rücken stärkt.
Das Tanz- und Schauspielstück läßt die Zuschauer in ihrem Blick nicht außen vor, sondern macht sie zu Voyeuren, Mitdenkern und Mittätern. Ein bunter, bilderreicher, komischer aber auch eindrücklich tiefgründiger Abend vor der historischen Kulisse der Ruine des Englischen Baus erwartet das Publikum, um gemeinsam die verbliebenen Tiefen der Hölle und Weiten des Himmels auszuloten.


S: Die Zeiten sind wie sie sind.
G: Wie sind sie denn?
S: Unbedeutend.
G: Mies?
S: Entsetzlich!
aus: Rosenkranz und Güldenstern von Tom Stoppard



WALTER Over the line, Smokey! I'm sorry. That's a foul.
SMOKEY Bullshit. Eight, Dude.
WALTER Excuse me! Mark it zero. Next frame.
SMOKEY Bullshit. Walter!
WALTER This is not Nam. There are rules.


"Also das ist die Hölle. Ich hätte es nie geglaubt ... Wißt ihr noch: Schwefel, Scheiterhaufen, Rost... Was für Albernheiten. Ein Rost ist gar nicht nötig, die Hölle, das sind die andern."
Garcin in Sartres Die geschlossene Gesellschaft

"Es war in unseres Lebensweges Mitte / Als ich mich fand in einem dunklen Walde; / Denn abgeirrt war ich vom rechten Wege, / Wohl fällt mir schwer, zu schildern diesen Wald, / Der wildverwachsen war und voller Grauen / Und in Erinnrung schon die Furcht erneut: / So schwer, dass Tod zu leiden wenig schlimmer."

"Alle Ereignisse sind miteinander verknüpft in der besten aller möglichen Welten; denn wärt Ihr schließlich nicht aus einem schönen Schloß mit derben Fußtritten in den Hintern davongejagt worden, der Liebe zu Fräulein Kunigunde wegen, wärt Ihr nicht der Inquisition in die Hände gefallen, hättet Ihr nicht Amerika zu Fuß durchquert und nicht dem Baron einen Degenstoß versetzt, hättet Ihr nicht alle Eure Hammel aus dem guten Land Eldorado verloren, dann würdet Ihr hier keine eingemachten Cedren und Pistazien essen."
"Das ist wohl gesprochen", antwortete Candide, "aber wir müssen unseren Garten bestellen."
Candide oder der Optimismus, Voltaire

Presse

Regie: Tom Schneider
Choreographie: Graham Smith
Bühne: Michael Böhler
Kostüme: Franziska Jacobsen
Licht / Ton: N.N.
Dramaturgie: Judith Schneiberg
Regieassistenz: Michael Deeg

Tänzer: Murielle Elizéon, Su-Mi Jang, Sebastian Rowinsky, Tommy Noonan
Darsteller: Nikolaos Eleftheriadis, Michael Deeg, Florian Kleine

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