
südkurier / 20.10.2009
Neun Herren im kaschmirbraunen Anzug. Neun Föhnfrisuren mit Seitenscheitel, neun himmelblaue Hemden: Mit der unbeholfenen Harmlosigkeit einer Tanztee-Combo finden sich auf der Bühne neun Personen zum Spiel. Die Musik tritt auf der Stelle, Wiederholung in einem "Leben, das nicht direkt zum Tod führt". So komisch und zugleich existenzialistisch grundiert beginnt am Theater Freiburg ein Abend über "Hochstapler und Falschspieler".
Einen Szenenwechsel weiter sind alle Neune schon auf der Seite der Macher. Benefiz-Gala, Börsengeschäfte, Steuerhinterziehung, Doping, Musiker-Gespreize und Therapeuten-Bluff, Betrug in allen Variationen.
Alle Tricks drauf
Unrechtsbewusstsein? Nur wenn's zweckdienlich ist. Zur Befriedung öffentlichen Unmuts legen sie eine Massenbeichte ab: "Wir alle waren oft treu." Sie haben die Tricks drauf: "Sprich nicht zynisch, sei es." Sie bedienen sich der Zeichentheorie, sie kennen sich aus, rangeln die Karriereleiter hinauf, die Podeste empor - und rutschen wieder hinunter, quälend langsam, am Schluss bricht auch noch der Schlagzeuger in seinem Set leise krachend zusammen.
Neunfacher Leistungswillen, neunmalkluge Aufsteigersprüche, multipliziert mit neunfacher Unsicherheit: So komplex sehen die Sieger und Verlierer von heute aus. Und sie kommen massenhaft vor. Die Zeit plumper Kapitalistenkritik und eiskalter Managerkofferträger ist am Theater vorbei.
Optimal hochlügen
Der Basler Theatermacher Christoph Frick und sein Ensemble lassen unter den Charaktermasken die Menschen durchschimmern. Aber nur um zu zeigen, dass sie auch privat "alles optimal hochlügen".
Liebe? Weil es beruflich nicht klappt, flüchten die einen in die Ehe ("Willst du mich?") und die anderen zu den alten Eltern ("Pflegst du mich?"). Ein Graus für alle Beteiligten. Ein Krampfen. Und so winden sie sich am Sorgentelefon oder im Grotesk-Tanz, wollen im halsbrecherischen Duett die alte Anzughaut abstreifen, aber weil sogar das Alter Ego das Prinzip Show verinnerlicht hat, vervielfältigen sich alle Neune zur einsamen Masse in einer finalen Projektion.
Tänzer und Schauspieler, diverse Theater, Festivals und Stiftungen haben sich für dieses "Hochstapler"-Projekt zusammengetan. Lohn der Kooperation: Ein Abend intelligenter Unterhaltung, der Improvisation abgewonnen, insoweit nicht perfekt, aber quicklebendig.
/ Siegbert Kopp