
Badische Zeitung / 17.10.2009
Der kleinste Spielort des Theaters Freiburg, alles komplett weiß. In einer Ecke stehen zwei Männer, einer groß, einer klein, zwei Unterhosen, schön mit Bündchen und Eingriff, Socken, Schuhe, fertig. Mehr erfrischendes Understatement zur Eröffnung der Tanzsaison, als es die Tänzer und Choreographen Clint Lutes und Tommy Noonan von pvc Tanz Freiburg Heidelberg in der Kammerbühne boten, geht kaum. Selbst die Kartenkontrolle am Eingang hatten Lutes und Noonan selbst erledigt. Dann hieß es Bademantel aus, und "Bruder Bruder" begann. Zunächst siamesisch.
Zwei gleiche Wörter, zwei gleiche Outfits, zwei gleiche Bewegungen. Erst stehen und lachen, bis das Publikum angesteckt ist, dann folgt minutenlanges Joggen in verschiedensten Varianten, dann Übereinandersteigen, dann Rangeln, zwischendrin ein wenig Slapstick mit Handtuch, Tablett und Glas, bis rollende Erbsen auf dem Tablett das Anrollen des Ozeans hervorzaubern. Zwischendurch wie Möwen schreien oder schönstes Männervergleichsgrunzen herauspressen. Und am Ende war es nicht nur ein unterhalt-samer Abend, sondern auch eine wun-derbar freundliche Utopie brüderlichen Lebens, ohne die unübersehbaren Un-gleichheiten, das Konkurrieren und sich Behakeln dieser "Brüder" auszugleichen. Eine gelungene Eröffnung.
Auch die zweite Premiere tags darauf besticht durch die Klarheit ihrer Kon-struktion. "Hochstapler und Falschspie-ler" taucht in die Welt eben dieser Spe-zies ein. Dazu hat Clarissa Herbst das Kleine Haus mit Podesten und weißen Vorhängen in eine Showbühne verwandelt und sämtliche Mitwirkende ins gleiche Outfit gesteckt: Bazon-Brock-Gedächtnisperücke, brauner Anzug, hellblaues Hemd, koalitionsfarbene Turnschuhe. So gewandet erklimmen die Mitwirkenden dieser Koproduktion von pvc, Theater Freiburg und Theater Klara die Showbühne, stöpseln E-Gitarren ein, drängeln sich hinterm Schlagzeug oder dem elektrifizierten Cello. Dafür bekommen sie genügend Zeit, um ausgiebig zu posen oder sonstige amüsante Dinge zu treiben. Wer in dieser spartenübergreifenden Inszenierung nun Schauspieler, Tänzerin oder Musiker ist, wird nicht gleich ersichtlich. Warum auch? Hochstapler und Falschspieler zeichnen sich ja gerade dadurch aus, dass sie jederzeit in nahezu jede beliebige Rolle mit einer ge-wissen Überzeugungskraft zu schlüpfen wissen. Zumindest die Könner dieses Fachs. Die Stars unter ihnen werden auch durchaus erkennbar zitiert, ob der sich zum Oberarzt hochschwindelnde Postbote Gerd Postel, Bankenbetrüger Jürgen Schneider oder der mörderische Politclown Donald Rumsfeld.
Letzterer deutet schon an, in welcher Rolle Regisseur Christoph Frick die Blender in unserer Gesellschaft sieht: Es sind mächtige Entscheider und kulturelle Leitbilder. Wir sind es gewohnt, die Postels und Schneiders als kuriose Einzelfälle zu betrachten. Frick gelingt es, durch den einfachen Trick der Vervielfältigung aus dem Einzelfall die Regel zu machen. Wenn all diese Anzugträger im aufgeblähten Marktbeherrscherjargon durcheinanderpalavern, wird aus dem als kriminell gebrandmarkten Einzelfall plötzlich ein ganz normaler Tag an der Börse.
Das Geniale an Fricks Inszenierung ist, dass sie nicht auf banales Finanzmarktbashing zielt, sondern gerade in der Vermischung von Tanz, Schauspiel und Musik zeigt, dass dieses Gebaren sich nicht mehr in einem bestimmten Segment der Gesellschaft isolieren lässt, sondern längst jeden Einzelkörper ergriffen hat. Das Blendwerk ist allumfassende Körperpolitik vom Börsenparkett bis zur Miniplaybackshow. Die Hochstapler sind bei Frick folgerichtig auch keine gerissenen Schlitzohren, sondern zerrissene Seelen, die eher in ihr Falschspiel hineingesogen werden. In ausgreifenden Schleifen eines ansteckenden Wiederholungszwangs, kongenial akustisch umgesetzt von den Musikern Martin Schütz und Tobias Schramm, umkreisen sie einen Kern, dessen Sinn verloren gegangen ist, und streben im Schlusschoral der unheilbaren Ekstase des Lügens zu. Eine Massenepidemie, die in einem per Video ins unendliche projizierten Massenaufmarsch der Braunjacketts mündet.
Selten hat pvc das, wofür es als physical virus collective angetreten ist, wörtlicher auf die Bühne gebracht. Glückwunsch zu dieser hervorragenden Ensembleleistung.
/ Jürgen Reuß